Dr. med. Mabuse – eine fragmentarische Chronik


... 1976
Bei der Fachschaftswahl der Medizinstudierenden in Frankfurt erringt die Liste der Undogmatischen Linken (Spontis) einen klaren Sieg. Es ensteht die Idee, eine neue Art Fachschaftszeitschrift zu machen, die sich kritisch mit Medizin und Gesundheitspolitik auseinandersetzt. Mabuse soll auch allen am Fachbereich tätigen Gruppen als Forum zur Verfügung stehen.
"Die Zeitung sollte möglichst keine liebe ,Hauspostille für studentische Angelegenheiten´ sein. Natürlich soll über Studienprobleme berichtet werden. Aber wir wollen auch Dinge ansprechen, die darüber hinausgehen und vor allem nicht nur Studenten ansprechen, sondern auch das Klinikpersonal." (aus dem Editorial der Nr. 1).
Der Name des neuen Studiblattes soll provozieren und sich gleichzeitig von so spannenden Namen linker Medizinblätter wie Schrittmacher oder Rote Spritze abheben. Der nächtliche Vorschlag Dr. med. Mabuse findet jedenfalls ein eindeutige Mehrheit und alle Anläufe (vor und nach der Gründung der Pflege-Redaktion), der Zeitschrift einen seriöseren Titel zu verpassen, scheitern.
Am 10. Dezember 1976 erscheint die Nr. 1, hinter der Druckmaschine: Helmut, der ASTA-Drucker. Obwohl Mabuse im Gegensatz zu seinen studentischen Vorläufern nicht verteilt, sondern für 50 Pfennig verkauft wird, sind die 500 Exemplare des ersten Heftes innerhalb weniger Tage vergriffen.

... 1977
Die Unruhe an den medizinischen Fachbereichen nimmt deutlich zu. Die Einführung des Praktischen Jahres (PJ) und die damit verbundene bundesweite Streikbewegung der StudentInnen prägen die Inhalte des Mabuse. Der PJ-Streik mit seinen zentralen Forderungen nach Tarifvertrag und Bezahlung (700 DM) mobilisiert nicht nur Linke jeglicher Coleur, sondern an vielen Unis mehr als die Hälfte der Studierenden. Obwohl die Forderungen nicht durchgesetzt werden konnten, entsteht durch die Politisierung und die geknüpften Kontakte ein Netzwerk zwischen den einzelnen Medizinfachschaften.
Dies wirkt sich auch auf die Verbreitung des Mabuse aus: Bereits ab der Nr. 2 wird die Zeitschrift auch von Fachschaftlern anderer Unistädte verkauft und ab der Nr. 6 (Oktober 1977) arbeiten auch Medizinstudierende aus Berlin, Gießen, Hamburg, Heidelberg, Marburg, Köln, Aachen und Freiburg redaktionell an der Zeitschrift mit. Das erhoffte Echo des Klinikpersonals bleibt allerdings aus.
Der Frankfurter Psychiatriekonflikt, der sich nicht zuletzt an der Person des erzkonservativen Psychiaters Bochnik entzündet, ist der zweite wichtige Bezugspunkt der 77er Hefte. Die Kritik des Journalisten Ernst Klee an den unhaltbaren Zuständen in der Psychiatrie der Frankfurter Uniklinik finden ein großes öffentliches Echo und drücken sich auch in einer Demonstration mit Patientenbeteiligung aus.
Am 9.12.77 steigt das erste Geburtstagsfest im KOMM der Uniklinik. Hier – wie bei den dann jährlich folgenden Feiern – gibt es zwei Rituale: Sympathy for the Devil von den Stones und das Abspielen eines der drei Dr. Mabuse-Filme von Fritz Lang.

... 1978
Mabuse ist nicht mehr Organ der Fachschaft. Da aber das Interesse wächst, macht die Frankfurter Redaktionsgruppe, ihr – gar nicht mit einer längerfristigen Perspektive gegründetes – Blatt weiter. Auch der Zuspruch aus anderen Städten nimmt zu, die Auflage steigt auf 4500. Das Editorial vermeldet einen "Sieg der Ökologen über die Ophtalmologen": Mabuse wird bei Bundschuh in Freiburg auf Umweltschutzpapier gedruckt. Nicht nur der Druckort rotiert; im Rahmen des basisdemokratischen Verständnisses wechselt die verantwortliche Redaktion nach Freiburg, wo mittlerweile eine große studentische Mabuse-Gruppe existiert.
Zum zweiten Geburtstag schreibt die Frankfurter Rundschau: "Solch ein fürwahr basisdemokratisches Zeitschriftenprojekt, das auf weiter Medienflur nur selten seinesgleichen findet und immer noch nicht eingegangen ist."
Themen: Ökologische Medizin, Gruppenpraxen, Ärzteschwemme, Krebs durch Atomanlagen, Der Kampf um eine unabhängige Sahara, Tötet Nestlé Babys? Knastmedizin und Die (Selbst-)morde in Stammheim aus gerichtsmedizinischer Sicht.

... 1979
Perspektivwochenende in Gießen: Dort werden die basisdemokratischen Strukturen beschlossen, die im Wesentlichen bis in die 90er Jahre praktiziert werden sollten:
Die Redaktion setzt sich aus den autonom arbeitenden örtlichen Mabuse-Gruppen zusammen, diese erstellen Artikel und verschicken sieÿan die anderen Gruppen, ein Redaktionsstatut existiert nicht. Oberstes Entscheidungsgremium ist das viermal jährlich (und jeweils in einer anderen Stadt) stattfindende überregionale Redaktionstreffen, auf welchem alle Artikel diskutiert und abgestimmt und auch organisatorische Fragen geklärt werden.
Jede/r kann daran teilnehmen, es gibt kein Delegationsprinzip. Die veranstaltende Redaktion gestaltet auch das Lay-Out des neuen Heftes. Um Dezentralität und Basisdemokratie zu gewährleisten, soll die koordinierende Redaktionsgruppe (später abgelöst von einer hauptamtlichen Kraft) rotieren. Mabuse will Forum für kritische Gruppen im Gesundheitswesen sein.
Ab dem 3. Geburtstag hat Mabuse den langen Untertitel: "Zeitung im Gesundheitswesen – aus Aachen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Bad Hersfeld, Kiel, Köln, Mainz, Marburg, München, Ulm". Wir bieten Abos an (10 DM pro Jahr), 250 Leute nutzen dies.
Im November erscheint im Pahl Rugenstein Verlag die neue Zeitschrift Demokratisches Gesundheitswesen. Herausgegeben von gewerkschaftlich orientierten Profs, Ärzten und Krankenschwestern aus dem DKP/SPD-Spektrum, wendet sie sich vorangig an Beschäftigte im Gesundheitswesen.

... 1980
Als Alternative zum Deutschen Ärztetag geplant, trifft der Aufruf des Berliner Gesundheitsladens zum 1. Gesundheitstag auf eine Aufbruchstimmung: Mit 10000 TeilnehmerInnen hatte niemand gerechnet. Neben einem breiten inhaltlichen Spektrum wird zum ersten Mal nach dem Kriege das Thema Medizin und Nationalsozialismus diskutiert. Nach dem Berliner Treffen schießen in vielen westdeutschen Universitätsstädten Gesundheitsläden wie Pilze aus dem Boden.
Die Auflage steigt auf 10000, wir gründen den Verein "Dr. med. Mabuse". Um die finanziell-organisatorischen Probleme in den Griff zu kriegen, wird Alex Horn zum ersten hauptamtlichen und (kärglich) bezahlten Mabusianerÿgewählt. Ende 1980 wechselt das Mabuse-Büro nach Lübeck: Ernst-Ludwig Iskenius ist unser neuer Hauptverantwortlicher (HV). Die Umstellung von Schreibmaschinenschrift auf Composersatz löst prinzipielle Diskussionen aus, der technische Fortschritt siegt.

... 1981
In Hamburg findet der 2. Gesundheitstag statt. Schwerpunktthemen: Selbsthilfe, Behinderung, Alternativmedizin. Die Abozahl steigt auf 1500, der Kleinanzeigenteil füllt fast eine Seite. Auf einen kritischen Artikel von Donald Frankenberg zur Homöopathie gibt es eine wahre Leserbriefflut. Das Mabuse-Büro zieht wieder nach Frankfurt zurück: Hermann Löffler koordiniert die Arbeit und geht ein Untermietverhältnis mit medico international ein. 5 Jahre Dr. med. Mabuse: Geburtstagsfest im KOMM mit dem beliebten Mitternachtsauftritt des Ballhaus-Quartettes.

... 1982
Themen: Ärztliche Friedensbewegung, Ambulante Geburt, Sozialisation im Präparierkurs, Italienische Psychiatrie.
Wir finden mabuse-intern bei unseren Studis und Ärzten niemand mehr für den lukrativen 900-Mark-Posten des Hauptverantwortlichen. Barbara Zaabe und Monika Dierksmeier teilen sich den Job, das Mabuse-Büro zieht nach Köln. Dank Werner Hofmann und vieler Prinzenrollen wird die Aboverwaltung auf EDV umgestellt. Wir drucken die ersten zehn Hefte nach und legen 60000 Seiten während des Gießener Redaktionstreffens zusammen. Prinzipielle Auseinandersetzungen prägen die Debatte um einen Wechsel der Druckerei: Dürfen wir unseren langjährigen Partner, den Spontis des Frankfurter Druckladens, untreu werden und zu Caro-Druckerei des KBW ("Wahl der Chefärzte durch das Volk!"), die uns ein Angebot für genau die Hälfte des bisherigen Preises machte, wechseln? Mit einer knappen Mehrheit siegt die Ökonomie, seitdem wird Mabuse bei Caro gedruckt.

... 1983
In einer zugeschneiten Skihütte bei Freiburg diskutieren wir über Militärmedizin und Sozialdarwinismus. Das Editorial der Nr. 27 berichtet von einer Krise des Betroffenenjournalismus: "Unbehagen kommt beim Wiedergeben der bloßen Erfahrung ohne weiterführende Reflexion auf." Dies wird auch auf den biographischen Übergang vieler Aktiven in die ärztliche Berufstätigkeit zurückgeführt.
In der Auseinandersetzung um das Katastrophenschutzgesetz und die Nachrüstung wird von linken Ärzten der Beitrag an die Bundesärztekammer wegen deren positiven Haltung zur Wehrmedizin boykottiert. Ebenfalls boykottiert werden die Produkte von Hoffmann-La Roche, weil die Firma Dioxin-Fässer verschwinden ließ.
Mabuse Nr. 30 meldet: "Das Imperium schlägt zurück". Das Deutsche Ärzteblatt überzieht uns mit einer Klage, weil wir dazu auffordern, die pharmawerbungsarme Ausgabe C des Standesblattes zu bestellen. Das angedrohte Ordnungsgeld von 500000 DM lässt uns klein beigeben.

... 1984
Die zentrale Redaktionskonferenz entmachtet sich ein wenig und beschließt, den Hauptamtlichen mehr Kompetenz bei der Vorplanung von Themenschwerpunkten zu geben. Mabuse 33 beschäftigt sich mit der Gesundheitspolitik der GRÜNEN und hat (heftig umstritten!) im 9. Jahrgang das erste farbige Titelbild. Außerdem beschließen wir, Broschüren von Initiativen im Gesundheitswesen zu verbreiten, der Anfang unserer Versandbuchhandlung. Existenzängste kommen hoch: Thomas Dersee vom Verlag Gesundheit in Berlin plant eine Konkurrenzzeitschrift, was bei uns auch Debatten um eine Professionalisierung fördert. Der 3. Gesundheitstag in Bremen hat weniger Besucher und ein größeres Defizit.

... 1985
In Heft 36 erscheint der erste Schwerpunkt zum Thema "Pflege".
Am 1. Mai zieht das Mabusebüro von Köln nach Frankfurt, in das "KBW-Haus" in der Mainzer Landstraße 147. Neue Besetzung: Sabine Keller, Hermann Löffler, Inge Schreier. Lebenslange Abos werden für SpenderInnen eingerichtet, Handverkauf verlagert sich immer mehr in Buchläden, 3500 Abos, der erste Computer hält Einzug ins Mabusebüro. Mabuse geht das erste Mal auf die Buchmesse, zusammen mit der IPPNW, die just während der Messe den Friedensnobelpreis erhält.
Konkurs des Berliner "Verlag Gesundheit". Wir kaufen Teile der Konkursmasse, bescheidene Anfänge des Mabuse-Buchversandes.
Die Gesundheitsläden erhalten in jeder Ausgabe zwei Seiten für ihren "Infodienst".

... 1986
Mabuse erscheint ab sofort sechsmal pro Jahr. Die basisdemokratische Rotation des Layouts hört auf. Inge Schreier verlässt das Frankfurter Team, neu kommt Gerlinde Jung. Mit einem großen Sommerfest in der Frankfurter Brotfabrik werden zehn Jahre Mabuse gefeiert. Der Buchversand hat Erfolg: Manche ehemaligen Verlag Gesundheit-Titel müssen nachgedruckt werden. Gegen den Widerstand der Basis entsteht der Mabuse-Verlag. Verkaufshit: Hilde Steppes "Krankenpflege im Nationalsozialismus". – Wichtige Themen: Frankfurter "Euthanasie"-Prozeß; Tschernobyl; AIDS.
Im Dezember gewinnt die Fraktion Gesundheit die Berliner Ärztekammerwahlen, Ellis Huber wird Kammerpräsident.

... 1987
Ein Aufruf von Hilde Steppe zur Gründung einer "Autonomen Pflegeredaktion" im Mabuse findet große Resonanz: 100 Leute aus dem Pflegebereich kommen am 25. April zu einem ersten Treffen in Frankfurt zusammen.
Der Mabuse wird ab jetzt über die Buchhandelsauslieferung Prolit in Gießen vertrieben, auch die Aboverwaltung wird ausgelagert. Die Redaktionsarbeit verlagert sich immer mehr von der Basis ins Büro, woanders nennt man das Professionalisierung. Die Abozahl klettert auf 4000. Das Anzeigenaufkommen wächst. Das Mabusebüro expandiert auf zwei Räume. Der 4. bundesweite Gesundheitstag in Kassel zeigt die Krise der Gesundheitsbewegung auf: inhaltlich wahllos und schwach besucht, endet er, trotz staatlicher Zuschüsse, mit einem großen Defizit; er sollte der letzte bleiben. Mabuse Nr. 50 enthält das große Zehn-Jahres-Register 1976-86.
Wichtige Themen: Arzt im Praktikum, Arbeitsbedingungen in der Pflege, Ganzheitliche Krankenpflege, § 218 und In-vitro-Fertilisation, Strukturreform im Gesundheitswesen.

... 1988
Themen: Psychiatrieentwicklung, Altenpflege, EDV in der Krankenpflege, Umweltmedizin, Sterbehilfe, Methadonprogramme, 10 Jahre Gesundheitsbewegung.
Das Layout findet jetzt mit Unterstützung einer Grafikerin in Frankfurt statt, die Zeiten des Letrasets und des Layoutkoffers sind endgültig vorüber. Ab Nr. 56 erscheint der Mabuse mit ganz neuem Layout. Es gibt nur noch vier überregionale Treffen pro Jahr, die Basis bröckelt. Dafür häufen sich die mabuse-internen Geburtsanzeigen. Ende des Jahres schreibt Gerlinde Jung für den Mabuse-Buchversand die 2000. Rechnung.

... 1989
Die bisherige Konkurrenzzeitschrift Demokratisches Gesundheitswesen gerät wegen der finanziellen Abhängigkeit seines Verlages Pahl Rugenstein von Zuschüssen aus der DDR in eine existentielle Krise. Mabuse erhält vonseiten der Redaktion ein Fusionsangebot. Ein halbes Jahr wird heftig überlegt und diskutiert, im August entscheiden wir uns schließlich wegen allzu vieler politischer Differenzen und Unvereinbarkeiten gegen ein Zusammengehen. Die Zeitschrift wird Ende 1989 eingestellt. Der Pahl-Rugenstein-Verlag bietet uns kurz vor seinem eigenen Konkurs die Aboverträge zum Kauf an, der Mabuse entscheidet sich dafür.
Die erste LeserInnenumfrage wird durchgeführt: noch ist der typische Mabuseleser männlich, 39 Jahre alt und Arzt. Aber fast alle Neuabos und Buchbestellungen kommen aus dem Pflegebereich, was nicht zuletzt der stärkeren inhaltlichen Mitarbeit von dieser Seite geschuldet ist. Der erste Katalog des Mabuse-Buchversandes wird an die Kunden verschickt. Ende des Jahres gönnen sich die drei Angestellten die ersten vernünftigen Bürostühle aus dem Nachlass des verblichenen Frankfurter Pflasterstrand.
Themen: Ethik-Kommissionen, Gesundheitsreform, Pflegestreiks und Pflegenotstand, rot-grüne Berliner Gesundheitspolitik, Diskussion um Bio-Ethik, DDR-Gesundheitswesen.

... 1990
Themen: Gesundheitspolitik und Psychiatrie in der DDR, Studienreformmodelle, Pflege-Weiterbildung und Pflegewissenschaft, Häusliche Pflege, Kostenexplosion im Krankenhaus, Kommunale Gesundheitsförderung, Bilanz der kritischen Gesundheitspolitik.
Das erste Redaktionstreffen des Jahres findet im mauerfreien Berlin statt: Die Gesundheitsdebatte des ganzen Jahres ist geprägt von "Wende" und Wiedervereinigung. In der gesundheitspolitischen Linken im Westen gibt es Streit darüber, ob es im maroden DDR-Staat ein vorbildliches Gesundheitswesen gab. In der DDR selbst sind es zu wenige, die sich für den Erhalt ihrer Polikliniken o. Ä.. einsetzen: Wie der untergehende Gesamtstaat wird auch das DDR-Gesundheitswesen die Strukturen der BRD übernehmen.
Der Mabuse begrüßt (wenige) neue LeserInnen und AutorInnen aus der DDR und circa 1000 Abos des Demokratischens Gesundheitswesens (weniger, als wir erhofften), die Abozahl pendelt sich bei 5000 ein, der Buchverlag wächst und mit ihm das Büro: Drei Räume beherbergen nun Redaktion und Verlag. Der Mabuse gründet eine GmbH, mit Hermann Löffler und Sabine Keller als Geschäftsführern. Mabuse hat mit medico international einen Stand auf der Frankfurter Buchmesse.

... 1991
Themen: Perspektiven der Gesundheitsbewegung, Pflegeversicherung, Golfkrieg und Gesundheitswesen, Frauen und Pflege, Psychiatrie, Katastrophenmedizin, Gentechnologie, Pharmapolitik, Ökologie im Gesundheitswesen, Humangenetische Beratung, Stasi im DDR-Gesundheitswesen, Patiententötungen, Gesundheitswesen in den USA.
Der ehemalige Redakteur des Demokratischen Gesundheitswesens, Klaus Priester, empfiehlt uns eine Annäherung an die betriebliche Wirklichkeit; er koordiniert den Schwerpunkt Arbeitsmedizin für uns.
Ab Sommer gibt es eine vierte feste Stelle im Mabuse-Team. Es finden nur noch zweimal im Jahr (abwechselnd in Berlin und Frankfurt) überregionale Redaktionstreffen statt – die verbliebenen Lokalredaktionen sind in Auflösung begriffen.
Zum Jahresende verlässt Sabine Keller nach sieben Jahren das Projekt.

... 1992
Nach fünf Jahren Schmuddelcharme im KBW-Haus ziehen wir mit den anderen Mietern (Ökotest, taz, Grüne, Naturfreundejugend etc.) ins neue Ökohaus am Westbahnhof.
Wir nehmen die Aboverwaltung wieder in die eigenen Hände. Gerlinde Jung betreut jetzt unsere AbonnentInnen.
Die Krankenschwester Christiane Kreis kümmert sich jetzt um die wachsende Kundschaft unserer Versandbuchhandlung. Um unsere Professionalisierung finanzieren zu helfen, sucht das Projekt Geldgeber, die sich finanziell am Verlag beteiligen. Am 1. Mai findet das "Mabuse-Wiedersehensfest" in Frankfurt statt: 50 Leute der Ex-Basis treffen sich in der Äppelwoi-Kneipe "Zur Sonne". Caro-Druck produziert uns jetzt auf 100-prozentigem Recycling-Papier, ziemlich grau, die neue Sorte.
Themen: Qualitätssicherung in der Medizin, Gesundheit in der 3. Welt, Ökonomie im Gesundheitswesen, Psychiatrie-Bilanz.

... 1993
Themen: Organspende, Gentechnikgesetz, Hebamme als Beruf, Pflegewissenschaft, Blut-Aids-Skandal, Gesundheitswesen in USA.
"Die Hölle von Ueckermünde – Psychiatrie im Osten" heißt ein Fernsehfilm von Ernst Klee. Die erschütternden Bilder lösen Entsetzen aus, Mabuse bringt Beiträge aus Ost und West in der Nr. 85. Die Buchproduktion im Mabuse-Verlag wird ausgeweitet. Noch rasanter wächst unsere Versandbuchhandlung: Der fünfte Katalog ist dicker denn je und wird in einer Auflage von 100 000 gedruckt. "Krankenpflege im Nationalsozialismus" von Hilde Steppe erscheint in der 7. Auflage.

... 1994
Wir schaffen es (fast immer), Schwerpunkthefte zu erstellen. Es gelingt, den AutorInnenstamm zu erweitern; nach wie vor schreiben (fast) alle für die Ehre und ohne Honorar. Endlich stellen wir vom Klebeumbruch auf DTP um. Das Ende der kreativen und chaotischen Klebe-Layout-Wochenenden löst nicht nur bei unserem schwäbischen Künstler Willi Schäberle Wehmut aus. Der Bildschirmumbruch erleichtert aber unsere Arbeit und verbessert die Gestaltung der Zeitschrift.
Themen: Arbeit und Gesundheit, Betreuungsrecht, Neue Arbeitszeitmodelle in der Pflege, Gesundheitsstrukturreformgesetz, Supervision, Transplantationsmedizin, Kinder in der Medizin, Psychose-Seminare.

... 1995
Themen: Pflege, Frauengesundheit – Frauen in der Medizin, Ethnomedizin, Anthroposophische Medizin und Pflege, Medizinische Ethik, Pflegeversicherung.
Die LeserInnenumfrage bestätigt den Trend zur Pflege und damit auch zur Leserin: Der Anteil der Pflegekräfte stieg auf 48 Prozent, überproportional davon sind in leitenden Funktionen oder als Lehrkräfte tätig. Immer mehr Buch-Manuskripte werden uns angeboten. Wir verstärken unser Team um den verlagserfahrenen Wolrad Bode, der insbesondere unsere Reihe Wissenschaft erheblich erweitert: 1994 und ´95 erscheinen 50 neue Titel im Mabuse-Verlag.
Wir leisten uns neue Soft- und Hardware. Diese und Investitionen für den Druck von Büchern und die Erweiterung unserer Versandbuchhandlung werden auch durch engagierte LeserInnen, die sich finanziell an unserem Verlag beteiligen, ermöglicht; dafür sei an dieser Stelle nochmal speziell gedankt. Preissteigerungen bei Postgebühren und Druck machen uns zu schaffen. Ein guter Teil davon wird mit deutlich höheren Einnahmen im Anzeigenbereich aufgefangen. Mabuse nimmt zum 10. Mal an der Frankfurter Buchmesse teil.
Ende des Jahres gibt es einen Wechsel in der Redaktion: Anja Uhling nimmt sich des Dr. med. Mabuse an.

... 1996
Mit der Nr. 100 erscheint die dickste Mabuse-Ausgabe aller Zeiten und zum ersten Mal mit vierfarbigen Innenseiten. Die Schwerpunkte der 96er Hefte: Public Health, Behinderte Menschen, Medizin und Gewissen. Artikel in unserer Reihe "Kritische Gesundheitspolitik – Bilanz und Perspektiven" erscheinen in loser Folge übers Jahr verteilt. In unserem hohen Alter richten wir die Rubrik "Hochschulforum" ein, die regelmäßig mit studentischen Beiträgen bestückt wird, um den Kontakt zu Medizin- und Pflegestudenten zu intensivieren. Mangels Beitragenden verschwindet sie allerdings nach zwei Jahren sang- und klanglos, und keine Vermisstenanzeige geht ein. Hat Dr. Mabuse keine hypnotische Wirkung mehr auf die studentischen Massen?
Wir gehen ins Internet – Martin Tröger gestaltet unsere Webseite – und sind per E-Mail erreichbar.
Im April erweitern wir das Verlags-Lektorat um Karin Griese, Soziologin aus Freiburg. Sie initiiert u.a. die erfolgreiche neue Reihe Erfahrungsberichte von PatientInnen, in der in den nächsten Jahren Bücher unter anderem zu den Themen Schlaganfall, Epilepsie, Locked-in-Syndrom und Aneurysma erscheinen.
Ab Sommer gewinnen wir Ela Marx für Anzeigen und Buchversand.

... 1997
Schwerpunkte: Ambulante Pflege, Umweltmedizin, Altenpflege, Chinesisches Gesundheitswesen, Schwangerschaft und Geburt. Wir mieten zusätzliche Räume an.
Die zweite Mabuse-Studienreise mit Hauptaugenmerk auf dem Gesundheitswesen geht wieder unter der Leitung des China-Kenners Helmut Forster-Latsch ins Reich der Mitte.
Wir drucken das begehrte Plakat mit den fröhlich rennenden Krankenschwestern, das seitdem zahlreiche Krankenpflegeschulenwände ziert.
Wir verlegen die Dokumentation des IPPNW-Kongresses "Medizin und Gewissen – 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess".

... 1998
Schwerpunkte: Alter und Altenpflege, Multiprofessionelle Zusammenarbeit. Eine rege Debatte um die "Körperwelten"-Ausstellung Gunther von Hagens entbrennt im Mabuse. Mit Artikel und Buch von Martina Böhmer stößt Mabuse die Diskussion um sexualisierte Gewalterfahrungen heute alter Frauen und die Konsequenzen für die Altenpflege an.
Ab Februar rettet der Computer-Spezialist Werner Hofmann uns aus jeder digitalen Not (aber nur, wenn Prinzenrollen bereitliegen). Im Sommer kommt Thomas Welling zu uns, um Zeitschrift und Bücher zu gestalten. Im Oktober begründen wir die gute Tradition der beliebten Mabuse-Empfänge auf der Frankfurter Buchmesse. Michael Emmrich gibt unter dem Titel "Im Zeitalter der Bio-Macht" eine kritische Bilanz der ersten 25 Jahre Gentechnik heraus.
Die entwicklungspolitische Hilfsorganisation medico international wird 30; Thomas Seibert beleuchtete die verschiedenen Stationen ihrer Arbeit: von Katastrophenhilfe über Befreiungshilfe und Primary Health Care bis zum Friedensnobelpreis 1997 für die Internationale Kampagne gegen Landminen.
Nach dem Regierungswechsel im September schreiben Mabuse-LeserInnen, was sie sich von der rot-grünen Koalition gesundheitspolitisch erhoffen. Davon sind etwa 7,43 Prozent eingetreten: Ein klarer Erfolg!

... 1999
Schwerpunkte: Sterben und Tod, Grenzsituationen in Pflege, Psychotherapie und Medizin, 10 Jahre nach der Wende. Gitta Düperthal schreibt über den Boom der Krankenhausserien im Fernsehen: "Liebe und Triebe in der Notaufnahme". Mabuse diskutiert das Psychotherapeutengesetz, das nach 24 Jahren Hauen und Stechen in Kraft tritt. Ellis Huber wird nach 10 Jahren als Berliner Ärztekammerpräsident abgewählt. Die Mabuse-Leserreise geht nach Tibet. Im August herrscht totale Sonnenfinsternis. Aus diesem Anlass verlegen wir den Mabuse-Betriebausflug in ein Bergwerk bei Wetzlar.
Im April stirbt unsere Autorin und die Gründerin der Pflegeredaktion Hilde Steppe.
"Ärzte ohne Grenzen" bekommt den Friendensobelpreis; der Alt-Mabusianer Willi Schäberle berichtet von seiner chirurgischen Arbeit für diese medizinische Hilfsorganisation in verschiedenen Kriegsgebieten.
Zur Buchmesse erscheint unser erster Cartoonband "Bitte freimachen!" von Freimut Wössner.
Eine Betriebsberatung lässt das betriebswirtschaftliche Flämmlein im Denken der Angestellten fürderhin heftig lodern.

... 2000
Themen: Arbeitgeber Kirche, Gentechnik, Männer und Gesundheit, Welt-Aids-Konferenz, weibliche Genitalverstümmelung.
Im Mai findet der Gesundheitstag in Berlin statt – nach Meinung eines der wenigen Besucher eher "eine Gedenkfeier mit Potpurri-Programm zur Beerdigung" des letzten Gesundheitstages 1987". Jedenfalls ist es kein gesundheitspolitisches Großereignis, wie von den Initiatoren erhofft. Aber auch Woodstock konnte nur einmal stattfinden.
Im Sommer verlassen Thomas Welling und Karin Griese das Mabuse-Team.
Dafür bekommt ab der Fußball-Europameisterschaft die Pflegeredaktion Zuwachs von Dagmar Müller.
Im Verlag erscheinen Bücher zum Thema Kindergesundheit, Frauen und Migration und Fortpflanzungsmedizin. Unsere traditionellen Themen Pflege, Alter, Gesundheit und Politik und Medizingeschichte bestimmen nach wie vor den Charakter des Programms.

... 2001
Themen: Sterbehilfe in den Niederlanden erlaubt, DRGs, Krebs im Film, IPPNW-Kongress: Medizin und Gewissen, behinderte Menschen, Auflösung der Heime, nach dem 11. September: Umgang mit Angst.
Gerlinde Jung, die unsere Versandbuchhandlung aufbaute und jetzt für die Aboverwaltung und Buchhaltung zuständig ist, feiert am 26. Januar ihr 15. Mabuse-Betriebsjubiläum.
Im Buchprogramm erscheinen unter anderem der neue Erfahrungsbericht "50 Tage intensiv – Die menschliche Würde im Krankenhaus" und "Endstation Alzheimer", das ein überzeugendes Konzept zur stationären Betreuung Dementer vorstellt.

... 2002
> Themen: Biologische Waffen, Schmerz, Humor und Gesundheit, Mammographie-Screening, Arzneimittelversorgung, Evidenz-basierte Medizin.
Im Verlagsprogramm erscheinen unter anderem "Frontschwestern und Friedensengel – Krankenschwestern im ersten und zweiten Weltkrieg" und der Erfahrungsbericht über das Leben mit Multipler Sklerose.
Dauerbrenner-Themen wie Spülordnung, schimmelnde Joghurts im Kühlschrank und eine neue Website beherrschen unsere montäglichen Teamsitzungen.
Am 25. Mai feiern wir mit AutorInnen, LeserInnen und FreundInnen den 25. Mabuse-Geburtstag mit knapp 300 Menschen im Frankfurter Ökohaus.
Sonja Siegert verstärkt Redaktion und Verlag, und Katharina Budych nimmt sich des Buchversandes an.

... 2003
Themen: Wohnen im Alter, Gesundheit von Gesundheitsberuflern, Sterben und Tod, Armut und Gesundheit, Kinder und Gesundheit und natürlich die Gesundheitsreform.
Der Verlag präsentiert einen neuen Erfahrungsbericht: Helmut Clahsen schreibt in "Mir fehlen die Worte" über die Aphasieerkrankung seiner Frau. Wir machen unter anderem Bücher mit Terre des Femmes, medico international und medica mondiale.
Die Pflegeredaktion wird um Adelheid von Herz erweitert. Das bewährte Team – Agnes Koß, Dagmar Müller, Andrea Schiff, Stefan Hof – freut sich und bleibt in der neuen Zusammensetzung bis heute stabil und unentbehrlich für die Zeitschrift.
Die neue Website wächst und gedeiht. Der Buchversand steigert seinen Umsatz, was sich in unseren engen Räumlichkeiten vor allem an mangelnder Bewegungsfreiheit äußert.

... 2004
Themen: Trauma, Schwangerschaft und Geburt, Gewalt im Gesundheitswesen, Sexualität, Kunst und Gesundheit, Demenz.
Im Verlag veröffentlichen wir mit großem Erfolg „Pflegegeschichten - Pflegende Angehörige schildern ihre Erfahrungen“, den Ratgeber des Krebspatienten Wulf Schröder: „Der Feind in meinem Körper“ und das wunderschöne Buch „Kunsttherapie mit demenzkranken Menschen“. Der Renner ist Gerd Dielmanns „Krankenpflegegesetz - Kommentar für die Praxis“.
Mirja-Estelle Momberger steigt mit Verve in die Anzeigenakquise ein.
Der Buchversand steigert schon wieder seinen Umsatz, was dazu führt, dass neue Räume im Ökohaus angemietet werden müssen. Die sind allerdings auch schnell wieder überfüllt. Außerdem verstärken wir unser Team um die Buchhändlerinnen Jeannette Heidt, Marion Walter und Karin Sparschuh.

... 2005
Themen: Psychosomatik, Qualität im Gesundheitswesen, Alter, Psychiatrie, Ausbildung im Gesundheitswesen, Streiks.
Endlich bekommt der Dr. med. Mabuse das seit langem überfällige neue Layout! Da wir auch die Druckerei gewechselt haben und nun durchgängig vierfarbig drucken können, ist der alte Doc kaum wiederzuerkennen.
Am Ende des Jahres verlässt uns nach zehn Jahren die Redakteurin Anja Uhling. Sie bleibt uns aber als freie Mitarbeiterin erhalten.
Wir begründen eine neue Buchreihe: Bücher für Hebammen. Die ersten Titel beschäftigen sich mit den Themen Familienhebammen und Kaiserschnitt.
Wir geben das Reprint des Buches „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“ von Alice von Platen-Hallermund heraus - den 1948 erstmals erschienenen Bericht über den Nürnberger Ärzteprozess.

... 2006
Themen: Frauen, Männer und Gesundheit, Krebs, Zusammenarbeit der Berufsgruppen, Gesundheitspolitik, Sterben und Tod, Pharma.
Anne Wolf wird Volontärin in der Redaktion.
Am 1. September stirbt nach schwerer Krankheit Wolrad Bode, unser Verlagslektor, der Mabuse auf verschiedene Weise seit Mitte der achtziger Jahre begleitet hat. Wir trauern sehr um ihn, als Freund, Kollegen und Diskussionspartner. Einige Tage vor seinem Tod stellte er sein letztes Buchprojekt „Psychiatrie in der DDR“ fertig.
Die Schriftenreihe „Medizin und Judentum“ wächst unter seiner Ägide auf acht Bände.
Ab Mitte September gewinnen wir Tobias Frisch als Lektor und Verantwortlichen für die Pressearbeit.
Der dritte IPPNW-Kongress „Medizin und Gewissen“ in Nürnberg wird ein voller Erfolg; das Bedürfnis der Gesundheitsberufe, über ihre Arbeit zu reflektieren, ist anhaltend groß. Wir veröffentlichen zum dritten Mal den Dokumentationsband dieser wichtigen Tagung.
Unsere Buchhändlerin Jeannette Heidt legt für ihren im Oktober geborenen Sohn Mathis eine Mabuse-Pause ein. Seitdem vervollständigt Carola Holler unseren Buchversand.
Am 10. Dezember hatte Dr. med. Mabuse 30. Geburtstag - das Feiern verschieben wir aufs nächste Jahr: Am 15. September 2007 wird das Fest im Ökohaus stattfinden.